Ein japanisches Märchen
Es ist schon lange her, sehr, sehr lange, da lebte in einem japanischen kleinen Ort ein junger Mann mit seiner schönen braven Frau und einem einzigen Töchterlein, das sie sehr liebhatten. Der Mann musste einmal für mehrere Wochen verreisen, nach der Hauptstadt und die war sehr weit. Er konnte die Frau und das Mädchen nicht mitnehmen. Beim Abschied sagte er: „ ich werde euch etwas sehr Schönes von der Reise mitbringen.“ Die junge Frau war noch niemals weiter als bis zum nächsten Dorf gekommen, und so fürchtete und ängstigte sie sich recht sehr, während ihr Mann so weit weg war. Zugleich war sie aber auch ein bisschen stolz darauf. Als nun die Zeit um war und der Mann zurückkehren sollte, da legte sie für sich und das Kind zum Empfang des Gatten die allerbesten Kleider zurecht: für sich das schöne blaue Gewand, das er so gern sah. Wie groß war die Freude, als er gesund heimkehrte und die schönen Sachen auspackte, die er mitgebracht hatte. „Für dich habe ich etwas ganz Wunderbares „ sagte er zu seiner Frau. „Es ist ein Kagami, ein Spiegel. Schau nur einmal hinein und sage mir, was du darin erblickst.“ Einen Spiegel hatten sie in diesem Erdenwinkel, so abseits der großen Welt, noch nie zu sehen bekommen; die junge Frau ahnte gar nicht, was das war. Sie machte den weißen Holzkasten auf, den er ihr lächelnd hinhielt. Es war eine runde Metallplatte darin. Auf der Oberseite aus ziseliertem Silber sah sie allerlei Figuren. Vögel und Blumen. Aber als sie die Platte umdrehte, da war die andere Seite ganz klar, blank und glatt und zeigte ihr eine wunderhübsche junge Frau mit rosigen Lippen und strahlenden Augen, die ihr lächelnd zunickte und die Lippen bewegte, als ob sie zu ihr spräche. Und merkwürdigerweise hatte sie dasselbe, genau dasselbe blaue Gewand an wie sie selber, die Besitzerin des Spiegels. Der junge Mann freute sich, da sie so überrascht und erstaunt in das Kagami hineinsah; gerade so war es ihm ja auch gegangen. Und er belehrte sie nun darüber, dass es das eigene Ebenbild sei, was man in dem Spiegel sehe. In der Stadt habe jeder so ein Ding, nur in solche weltfernen Nester wie das ihre sei es zuvor nicht gekommen. Die junge Frau war überglücklich über das Geschenk, und man kann es nicht zählen, wie oft sie in den nächsten Tagen in das Kagami hineinschaute. Aber bald hatte sie das Gefühl, so etwas sei zu schade für den täglichen Gebrauch, und es sei nicht gut, zuviel hineinzusehen. Sie schloss es wieder in den weißen Kasten und verwahrte den sorgsam bei ihren andern Kostbarkeiten. Die Jahre vergingen, die Tochter wuchs heran, sie wurde mehr und mehr das rechte Ebenbild ihrer Mutter. Die Eltern hatten große Freude an ihr. Wenn die Mutter nun an das Kagami dachte, dann wünschte sie, dass in ihrem Kinde niemals Eitelkeit erwache, wenn es in dem Spiegel gewahr werde, wie schön es sei. So verschloss sie ihn von nun an noch sicherer und sprach niemals von ihm. Auch dem Vater kam er aus dem Sinn. Die Tochter wuchs in derselben Herzenseinfalt auf wie einst die Mutter und wusste nicht, wie sie aussah. Nun aber geschah es, dass die Mutter schwer krank wurde. Die Tochter pflegte sie mit der größten Liebe und Sorgfalt, aber es wurde nicht besser. Die Krankheit verschlimmerte sich zusehends. Als nun die Frau ihr Ende nahe sah, holte sie mit vieler Mühe den Spiegel aus seinem Versteck, rief ihre Tochter zu sich und sagte: „Liebes Kind, du weißt ja, ich werde bald sterben, ich werde dann von diesen Leiden, die mich jetzt quälen, erlöst sein. Wenn das geschehen ist, so sollst du jeden Morgen und jeden Abend in dieses Glas hineinschauen, das musst du mir versprechen. Du wirst mich darin sehen, und du wirst dann wissen, dass ich immer in eurer Nähe bin und immer über dich wache.“ Das Kind gab der Mutter unter Tränen das Versprechen, und die Frau, über das Schicksal der Ihren nun ein wenig beruhigt, starb kurze Zeit darauf. Die Tochter hielt die Worte ihrer Mutter heilig, und jeden Morgen und jeden Abend nahm sie den Spiegel von seinem verborgenen Platz hervor und schaute lange hinein. Da sah sie das lächelnde Gesicht ihrer Mutter – nicht so blass und abgezehrt wie in der letzten Zeit, da sie krank war, sondern wieder die schöne, heitere, blühende junge Mutter vergangener glücklicher Tage! Und jeden Abend erzählte die Tochter dem Bild im Spiegel, was sie am Tage getan und erlebt hatte, alle ihre kleinen Sorgen und Kümmernisse, und alle Morgen bat sie um den Segen und Beistand der Mutter. So glich sie in all ihrem Tun immer mehr der Mutter, bei allem, was sie tat, dachte sie daran, wie es ihr gefallen und ob sie sich darüber freuen würde. Und wenn sie einmal abends dem Spiegelbild sagen konnte: „Heute war ich gerade so, wie du mich hast haben sollen“ , dann lächelte das Spiegelbild glücklich. Der Vater sah mit Erstaunen, dass seine Tochter morgens und abends mit merkwürdigem Gebaren in den Spiegel schaute, und befragte sie eines Tages darum. Da sagte ihm die Tochter, dass sie jeden Tag in diesem Glas die verstorbene Mutter sehe und ihr alles sage, was sie auf dem Herzen habe. Und sie erzählte ihm, was sich die Mutter von ihr auf dem Totenbett habe versprechen lassen und dass sie dieses Versprechen niemals vergessen habe. Da scheute sich der Vater, im Gedanken an seine liebe Frau und im innersten Herzen bewegt von der Unschuld und Herzensreinheit seiner Tochter, ihr zu sagen, es sei nicht das Antlitz der Mutter, das ihr aus dem Spiegel entgegenblickt, sondern das Abbild ihres eigenen lieben Gesichtes. Er verschwieg, was er von der Eigenschaft des Kagami wusste. | | | |